Exkursion ins Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg
Eine Reise durch die Geschichte der Textilindustrie

Auf einer historischen Maschine läuft ein Sück Stoff über verschiedene Rollen.

Welche Bedeutung hatte die Textilindustrie einst für die Region und wie entsteht aus einzelnen Fasern ein fertiger Stoff? Antworten auf diese Fragen erhielten wir bei unserer Exkursion in das Staatliche Textil- und Industriemuseum (tim) in Augsburg. Das Museum befindet sich in den historischen Gebäuden der ehemaligen Augsburger Kammgarn-Spinnerei, einer der bedeutendsten Textilfabriken Bayerns, und verbindet auf eindrucksvolle Weise Industriegeschichte mit moderner Textil- und Modewelt.

Zwei Mädchen von der Fachakademie halten ein Textilstück hoch. Im Hintergrund Stoffballen
Bereits seit seiner Eröffnung im Jahr 2010 begeistert das tim jedes Jahr rund 100.000 Besucherinnen und Besucher. Während unseres Rundgangs erfuhren wir, wie die Stoffe entstehen, und konnten historische sowie moderne Webmaschinen bei der Arbeit beobachten. Besonders beeindruckend war die weltweit einzigartige Sammlung historischer Stoffmuster. Mehr als 500 Musterbücher befinden sich im Archiv des tims. Sie dokumentieren die Vielfalt der damals produzierten Textilien und vermitteln einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung der Stoffherstellung. Einige Musterbücher sind auch in den Museumsräumen ausgestellt.

Eine Mitarbeiterin erklärt eine Maschine während die Schülerinnen gebannt zuhören.

Eine Maschine zum glätten von Wäsche steht in einer Maschinenhalle.
Neben den technischen Entwicklungen standen vor allem die Menschen im Mittelpunkt unserer Führung. Die Ausstellung verdeutlichte eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Beschäftigten im 19. Jahrhundert arbeiteten. So beschäftigte die Augsburger Kammgarn-Spinnerei bereits im Jahr 1836 rund 2.500 Mitarbeitende. Die Arbeitsbedingungen waren sehr belastend: Gearbeitet wurde an sechs Tagen pro Woche jeweils bis zu 14 Stunden täglich. In den Produktionshallen herrschten im Sommer Temperaturen von über 40 Grad Celsius, eine hohe Luftfeuchtigkeit und ein Geräuschpegel von bis zu 130 Dezibel. Hinzu kamen große Unterschiede bei der Bezahlung: Der Lohn richtete sich nach Geschlecht und Alter, sodass Frauen deutlich weniger verdienten als Männer und Kinder nur einen Bruchteil des Erwachsenenlohns erhielten. Auch Kinderarbeit war damals weit verbreitet und bereits ab einem Alter von acht Jahren erlaubt. In der Praxis arbeiteten jedoch viele Kinder sogar noch früher.
Eine Maschine zum glätten von Wäsche steht in einer Maschinenhalle.
Mit der fortschreitenden Industrialisierung stieg zwar die Leistungsfähigkeit der Maschinen und die Produktivität der Fabriken, gleichzeitig wurden jedoch auch die Anforderungen an die Beschäftigten immer größer. Ein Weber musste im Laufe der Zeit bis zu 36 Maschinen gleichzeitig überwachen. Da der Lohn von der laufenden Produktion abhing, durfte möglichst keine Maschine stillstehen.
In der Auslage der Ausstellung in der Wäscherei werden pflanzliche Fasern gezeigt
Neben der Industriegeschichte lernten wir auch viele interessante Hintergründe rund um Textilien und Mode kennen. So erfuhren wir beispielsweise, dass der Ausdruck „blau machen“ auf das Färben mit Indigo zurückgeht. Nach dem Färbevorgang musste der Stoff zunächst an der Luft oxidieren und wechselte dabei seine Farbe von Grün zu Blau. Während dieser Wartezeit ruhte die Arbeit.

Die Mädchen der Fachakademie schauen sich ein Ausstellung in der Wäscherei an.

Eine Studentin der Fachakademie probiert ein historisches Kleid mit Reifrock an
Auch die Entwicklung der Mode im Laufe der Zeit war ein spannender Bestandteil unseres Besuchs. Vor dem Zweiten Weltkrieg spiegelte die Kleidung häufig die gesellschaftliche Rolle der Frauen wider. Enge Korsetts und Reifröcke galten als Schönheitsideal und schränkten die Bewegungsfreiheit stark ein. Während des Krieges wandelte sich die Mode jedoch deutlich: Da viele Männer eingezogen wurden und Frauen zahlreiche neue Aufgaben übernehmen mussten, wurde die Kleidung funktionaler, bequemer und alltagstauglicher.
In der Ausstellung stehen verschiedene Schaufensterpuppen mit Kleidung der 60er und 70er
Ein besonderes Highlight war die aktuelle Sonderausstellung des Designerduos Talbot Runhof. Rund 100 der insgesamt 130 präsentierten Couture-Modelle, die unter anderem auf internationalen Fashion Weeks gezeigt wurden, veranschaulichen eindrucksvoll die Verbindung von traditionellem Textilhandwerk und moderner Mode.
Unser Besuch im tim hat uns gezeigt, wie eng Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Mode miteinander verbunden sind. Durch die Kombination aus historischen Maschinen, interaktiven Ausstellungen und moderner Mode war der Museumsbesuch für uns eine lehrreiche Erfahrung.

Eine historische Webmaschine für Textil aus Holz und Metall steht im tim.